Die Transzendenz der Schatten 

 

oder 

 

„Die Motte geht zum Licht“

 

Zunächst möchte ich noch etwas ausführlicher über Schatten schreiben, um bewusst zu machen, was genau losgelassen und transformiert werden kann. Schatten sind Muster, die automatisch und meistens reflexartig im Menschen ablaufen. Ich nenne sie deshalb Schatten, weil sie erstmal nicht erkannt werden als solche. Sie sind immer hinter deinem Rücken und wenn du dich umdrehst, drehen sie sich mit um. Das heißt, man tut sich zuerst mal schwer, sie wirklich zu erkennen. Es sind Verhaltensweisen, die man selbst an einem nicht mag, die man ablehnt und nicht wahrhaben will. Man kann sie sich wie eigene Kinder vorstellen, die man am liebsten wegsperren möchte, weil sie unangenehm und lästig sind. Sie fordern einen heraus, geben keine Ruhe, sie lösen Wut oder Traurigkeit in einem aus und machen einen hilflos und ohnmächtig. Sie konfrontieren einen mit Angst oder einem Schmerz, dem man nicht ausweichen kann. Man merkt, dass man das spontane Leben mit all seinen Unvorhersehbarkeiten nicht kontrollieren und in Griff kriegen kann. Dem identifizierten Menschen fällt es meistens schwer, sich diese schattenhaften Emotionen und Ausdrücke einzugestehen und sie da sein zu lassen. Alle diese Gefühle wären in Wirklichkeit nicht schlimm, wenn sie einfach nur als Gefühle gefühlt werden würden. Vielleicht bekommen heute noch manchmal Kinder die Gelegenheit, dass sie ein Gefühl einfach zulassen dürfen, ohne dass es gleich von den Eltern und Erwachsenen bewertet wird und das Kind sich schuldig oder schlecht fühlen muss. Aber schon bald lernen sie, diese wegzudrücken, weil sie glauben, dass sie nicht richtig sind und weil sie die Erfahrung machen, dass sie mit diesen Gefühlen nicht akzeptiert und geliebt werden.

 

Die Hauptthemen, mit denen der Mensch in seinem Leben konfrontiert wird und die sich irgendwann als Schatten zeigen, sind eigentlich schon bei der Geburt vorgegeben. Die Landkarte ist schon gezeichnet oder anders ausgedrückt, die Festplatte ist bereits programmiert. In den ersten 3-4 Lebensjahren erlebt das Kind diese Themen durch bestimmte Ereignisse, die manchmal nur oberflächlich geschehen und andere jedoch sehr intensiv und prägnant zum Ausdruck kommen. Der Verstand macht daraus seine eigenen Schlussfolgerungen und diese werden emotional und energetisch tief in die Zellen eingebrannt. Wenn das Kind den Vater damals als streng und aggressiv erlebt hat und Angst vor ihm hatte, wird der Trigger von Wut und Angst beispielsweise durch den Partner ausgelöst. Oder wenn das Kind die Mutter immer hilflos erlebte und versuchte, ihr zu helfen, ist das im erwachsenen Alter das Muster und der Trigger, anderen helfen zu müssen und Schwäche und Hilflosigkeit zu bekämpfen. Die Jahre danach sind also nur noch Wiederholungen der gespeicherten Glaubens- und Verhaltensmuster, die sich dann so tief eingraben, dass sie manchmal bis aufs Äußerste verteidigt werden. Diese Erfahrungen können nicht verhindert werden, denn die Identifizierung als getrennte Person braucht es, damit der Mensch überhaupt aus der Unbewusstheit in die Bewusstheit und aus der Trennung in die Einheit gelangen kann. Es läuft also nichts falsch, alles ist genau richtig wie es ist. Das Kind wächst genau in der richtigen Familienkonstellation und Umgebung auf, hört die Worte, die es hören soll und macht genau die Erfahrungen, die es braucht, damit es irgendwann die Möglichkeit hat, sich seinem wahren Selbst immer mehr bewusst zu werden. So kann jeder für sich selbst herausfinden, ob er sich auf diesen Lebensprozess einlassen möchte oder nicht und ob er überhaupt für ihn dran ist.

 

 

 

Die Identifikation und der Ausdruck von Schatten ist also schon vorprogrammiert, die Frage ist nur, wie geht man damit um? Sie wirken wie ein Filter, in dem der Verstand durch Informationen, Interpretationen und Bewertungen das Wirkliche verzerrt und verwischt. Diese Filter sind gefärbt durch Emotionen und drücken sich über den Gefühlskörper aus, so dass das ganze Szenarium auch glaubhaft und echt erscheint. Auf diese Art und Weise wirkt das homöopathische Prinzip „Ähnliches mit Ähnlichem heilen und transformieren“ permanent. Der Mensch wird ununterbrochen gespiegelt und erhält unzählig viele Gelegenheiten, in denen seine Muster und geglaubten Gedanken auftauchen und ihn triggern. Die gespeicherte Information, die zum Beispiel ein Mann in sich trägt und glaubt, dass er anderen Autoritäten und letztlich seinem Vater beweisen muss, wie gut er ist, wird sich in seinem Alltag immer wieder spiegeln und für ihn erlebbar gemacht. Das ist das homöopathische Prinzip. Manchmal läuft es sanft ab und manchmal wird es hochpotenziert und er erlebt einen immensen Druck und Stress beispielsweise in seiner Arbeit, wo es um Leistung, Beweis und Autoritäten geht. Dieser homöopathische Ablauf braucht er immer wieder, bis ihm vielleicht irgendwann tiefer bewusst wird, dass alles, was er tut, er nur für seinen Vater tut, um endlich die Anerkennung zu kriegen, die er als Kind nie erhalten hat. Aus diesem Verständnis heraus, das er sich selbst entgegenbringt und durch das zusätzliche körperliche energetische Spüren des Musters könnte er sich irgendwann daraus befreien.

 

Schatten halten sich aufrecht und ernähren sich durch Unbewusstheit und Verdrängung. Deshalb sind es immer nur die selben Wiederholungen von Mustern und Abläufen „…. und täglich grüßt das Murmeltier“. Sie sind schon lange nicht mehr neu, immer der selbe Film, der abläuft. Die Gedanken und Inszenierungen der Schatten wirken so echt und glaubhaft, dass sie mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Immer wieder wird der Suchende von den Geschichten und Ereignissen getriggert und nicht in Ruhe gelassen. Er glaubt sie und hält an ihnen fest. Die Schatten geben einem das Gefühl, dass man sich vor dem Leben schützen muss und dass Gefühle und das Leben selbst gefährlich sind. Sie verdrehen die Wahrheit und inszenieren großartige und wahnsinnige Geschichten und Dramen, blasen sie stark auf und wenn sie geglaubt werden, fühlt man sich darin gefangen und lebt weiter in einer leidvollen oder rosaroten wahnhaften Traumwelt. Den Menschen geht es dann um Macht und Anerkennung und deshalb erleben sie Kriege, Hunger und Leiden. Würden sie für einen Moment innehalten und ihr Denken und ihre Handlungen hinterfragen, dann wäre das bereits ein guter Anfang für ihre Bewusstwerdung. Ein freier und wacher Mensch kann die menschlich-kollektiven Konzepte und das weltliche Geschehen als bloße Erscheinung und natürlich auch als wahnhaftes verrücktes Schauspiel sehen. Der Inhalt ist vollkommen leer und bedeutungslos. Trotzdem nimmt er es ernst, weil er weiß, dass es erst das Leid, den Wahnsinn und die Zerstörung braucht, bis dann die Transformation und der Frieden möglich ist. So findet das große Schauspiel der ganzen Welt kollektiv statt und jeder einzelne erlebt sein eigenes Theater aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Er sieht und hört immer nur das, was er sehen und hören soll und kann - je nach dem, wie seine innere Landkarte gezeichnet ist. Ein islamistischer Terrorist, der sein Leben und das der anderen opfert für Allah, um als Märtyrer in das Himmelreich einzuziehen, ist überzeugt davon, dass er das Richtige tut. Ein westlicher Europäer hingegen hat eine ganz andere Weltanschauung und verfolgt ein ganz anderes Ziel und glaubt auch, dass er das Richtige tut. Die Überzeugungen und Schatten in jedem Menschen wirken so lange, bis sie nicht nur durchschaut werden als wahnhafte Idee und Überzeugung, sondern irgendwann sogar verständnisvoll und liebevoll integriert und transformiert werden. Erst dann kann der Mensch in Frieden sein mit sich und der Welt.

 

Manche Muster und Schatten haben einen suchtartigen Charakter. Man fühlt sich regelrecht süchtig, an den wiederholten Geschichten und leidvollen Abläufen festzuhalten und ihren Inhalt zu glauben. Sie werden wie ein Mantra wiederholt und inszeniert. Manche fühlen sich sogar getrieben, immer das selbe zu denken und das selbe Verhalten abzuspielen, weil es scheinbare Sicherheit gibt. Möchte man sich daraus lösen, braucht es manchmal einen Entzug von dem gewohnten Ablauf. Zum Beispiel durch Innehalten, Hinterfragen und vor allem bewusstes Erforschen, um eine Unterbrechung zu erzeugen. Man muss sich abwenden wollen und bereit sein, etwas ganz Neues spüren und erfahren zu wollen. Ich hatte damals in meinem Prozess heftige Entzugsmomente des Verstandes erlebt, wenn sich seine gewohnten Abläufe so nicht mehr abspielen konnten und von mir nicht mehr geglaubt wurden. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass sich meine Schädeldecke innerlich hebt und sprengt und als würde das Gehirn allmählich austrocknen. Wenn ein Süchtiger seine Droge nicht mehr bekommt, schaut er gewöhnlich nach einer Ersatzdroge, er wechselt sie einfach nur aus und so ist es mit den Mustern auch. Werden diese nicht mehr befriedigt, wenn beispielsweise der Partner/-in nicht mehr auf die regelmässigen Vorwürfe reagiert, sucht man sich einen anderen „Schuldigen“. Deshalb wird beispielsweise eine Frau, die in ihrer Beziehung Gewalt erlebt hat und sich dann trennt, entweder zu ihrem gewaltvollen Partner zurückkehren oder sie erlebt mit einem anderen Partner ähnliche gewaltvolle Situationen. Nicht, weil sie es bewusst so wählt, sondern weil die Muster in ihr so wirken und der gewaltvolle Mann nach dem homöopathischen Prinzip ihr Heilmittel ist. Das heißt, sie wird die Erfahrung so lange machen, bis es ihr möglich sein wird, dass sie sich von der äußeren Geschichte abwendet und sich ihren inneren Gefühlen und Empfindungen, die sicherlich viel mit Gewalt zu tun haben, zuwendet. Denn hier ist der Ursprung ihres Leidens, an dem sie auch festhält. Von außen betrachtet scheint das Leben manchmal unerbittlich zu sein, wenn das Schicksal immer wieder von neuem zuschlägt und die Spiegelfunktion nicht sanfter, sondern noch radikaler wird. Wenn man selbst drinsteckt und dagegen kämpft, kann man kaum glauben, dass sich hier eine wunderbare Befreiungsmöglichkeit bietet. Es ist aber tatsächlich die Liebe des Seins, die dem Identifizierten immer wieder eine neue Chance schenkt, aus dem verrückten Spiel oder Film auszusteigen. Was das ganze so problematisch macht für den Identifizierten, ist, dass er immer eine Lösung in der Geschichte sucht. Aber die Geschichte ist ein Traum. Wenn man als wacher Mensch sieht, dass der andere träumt und im Traum sich bedroht fühlt und nun eine Lösung sucht und wegrennt, dann versucht der Wache ihn nicht darin zu beschützen, sondern er macht ihm bewusst, dass er gerade träumt. Er muss einfach nur aufwachen und realisieren, dass er gerade geträumt hat und schon braucht es keine Lösung mehr, weil kein Problem wirklich existiert hat. Der Ausweg ist nicht innerhalb der Geschichte zu finden, sondern aus der Geschichte auszusteigen, zu erkennen, es ist „nur“ eine Geschichte, eine Inszenierung oder eine Erscheinung.

 

Deshalb sind die Schatten und ihre Abläufe nicht schlecht oder böse, auch wenn sie sich oft so ausdrücken. Es braucht sie und die Identifikation mit ihnen, damit der Bewusstwerdungsprozess überhaupt möglich ist. Das bewusste Abwenden von den  gewohnten Glaubenskonzepten und die Hinwendung zum reinen Beobachten und Spüren ist der erste wichtige Schritt. Manche Themen, die sehr tiefgreifend geglaubt und erlebt werden, möchte man nicht angehen, sie machen Angst und man schämt sich und um so mehr werden sie festgehalten. Sie loszulassen wird auch manchmal als Verlust erlebt. Aber was genau wird verloren? Hier ist das genauere Hinschauen und Erforschen hilfreich. Verlieren kann man nur gewohnte Denkvorgänge und Leidensmuster, aber auch das Mangel- und Trennungsgefühl. Denn sie sind nicht wirklich, sie wurden künstlich aufgebaut.

 

Die größte Angst ist natürlich, dass man das Gesicht verlieren könnte. Das ist ein tiefer Verlust für das Ego, das die Anerkennung der anderen braucht und vor ihnen gut dastehen möchte. Es möchte nicht entlarvt werden und niemand soll seine Schwäche und Verletzlichkeit sehen. Es ist ein Unterschied, ob man offen ist für  befreiende Momente, dann lässt man sich „an die Wäsche“ gehen und so manche Hüllen können abfallen und es wird einem zunehmend leichter. Oder man versucht die offene Darlegung der Schatten zu verhindern, verteidigt sie oder verleugnet sie, dann wird der Prozess sehr schmerzhaft und anstrengend. Jeder Ablauf hat seine eigene Zeit. Man kann den Prozess nicht puschen, man kann nur dranbleiben und offen sein. Manche Muster müssen sich in der Dynamik und Kraft zuerst hochpotenzieren und steigern, bis sie dann irgendwann ihren Höhepunkt erreicht haben und dann reif sind für den Zusammenbruch und das Loslassen des Szenariums. Jeder Ausdruck ist richtig und läuft genau so ab, wie er eben sein soll.

 

Die Person oder das Thema, das einen am meisten antriggert und von dem man glaubt, es nicht loslassen zu können oder glaubt, daran zu zerbrechen, obwohl man darunter leidet, bietet einem das größte Potential zur Befreiung. Irgendwann kann man darin die totale Liebe des Seins sehen.

 

 

 

Das Märchen „Der Froschkönig“ verdeutlicht sehr schön den Umgang mit den Schatten und deren Transformation. Das Mädchen findet den Frosch so ekelig und will ihn aus dem Haus schmeißen und ihn aus ihrem Leben haben. Doch er besteht vehement darauf, dass er mit ihr essen möchte, in ihrem Bett schlafen möchte…. er möchte nicht nur an ihrem Leben teilnehmen, er möchte sogar geküsst und geliebt werden. Hätte der Frosch irgendwann aufgegeben und wäre er gegangen, hätte die Transformation vom ekligen Frosch zum Prinzen nicht stattgefunden. Es brauchte also der Ablauf ihrer Schatten und sie musste sich darauf einlassen. Zuerst zickte sie und war im Widerstand und irgendwann konnte sie sich immer besser dem hingeben. Es braucht viel Demut und Geduld. Sie musste diesen Prozess des Ekels und der Ablehnung erleben und durchleben, bis sie sich irgendwann dem Frosch, sprich ihrem Schatten ganz hingeben konnte. Es ist aber nicht die Hingabe an das Muster, sondern an den Teil, der bisher abgelehnt worden ist. Erst dann kann die Integration und Transformation geschehen.

 

Es scheint, als stehe der Schatten zwischen dir und deinem natürlichen Sein. Als würde er dich immer mehr von Gott wegbringen, in die Trennung und in das Leiden. Wenn man nicht bewusst wird, dann erlebt man das so. Das zeigt das Weltgeschehen ganz deutlich. Wer aber aus seinem Traum erwachen und sich befreien möchte, der weiß, dass die Schatten es sind, die ihn zu sich nach Hause führen, zurück ins Leben, zu Gott in die Einheit. Es sind zwei Kräfte: die eine Kraft, die nicht gesehen werden möchte, die als Person bestehen bleiben will und die an der Trennung und am Leiden festhält und die andere Kraft, die Leben ist. Die erste kämpft dagegen und die andere ist einfach da, still und berührt von all dem.

Die Frage stellt sich: wohin geht deine Aufmerksamkeit? Was möchtest du?

 

Wer zum Licht möchte, kommt an der Dunkelheit nicht vorbei. Wenn die Motte sich lange genug in der Dunkelheit aufgehalten hat, wird sie möglicherweise irgendwann neugierig und nähert sich vielleicht vorsichtig dem Licht an und tanzt herum. Es ist ihre Natur, dass sie sich vom Licht angezogen fühlt. Irgendwann kann die Zeit reif sein, dass die Angst und Ablenkung keine Chance mehr haben und sie direkt ins Licht fliegt und dort verbrennt. Was bleibt, ist - Energie, LICHT, BewusstSEIN.

 

Sobald man die persönliche und relative Ebene überschreitet, bereitet man sich auf die Ebene der Transzendenz vor. Der Glaube und das Anhaften bzw. die Identifikation mit allen persönlichen und kollektiven Meinungen, Konzepten und Vorstellungen dürfen sich immer mehr lösen. Man stabilisiert das Sehen und Wahrnehmen aus dem Bewusstsein heraus. Das ist ein stilles Betrachten von dem, was auftaucht und innerlich abläuft.

Es ist ein stetiges inneres Entleeren und Los-lassen, um transparenter zu werden und in dem bewussten freien Dasein anzukommen. Das Bewusstsein ist sich seiner selbst gewahr. Das Gewusste und der Wissende lösen sich in der Stille auf. Der Verstand gibt seine Herrschaft auf und anerkennt die unendliche Kraft des Seins, als das All-Seiende. Die Form und Materie wird als formloses Bewusstsein wahrgenommen. Die Erfahrung von Dualität wird zur Non-Dualität. Alles scheinbar Getrennte kehrt zurück in das EINE.

 

STILLE - SEIN, jenseits von Erkennen, Wissen und Erfahrungen.

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Alle Inhalte dieses Internetangebots, insbesondere (Bilder, Videos, etc.), sind urheberrechtlich geschützt ©